STADTRADLER-STAR Blog: Bielefeld


Dritte Woche – Angesichts des Klimawandels ist viel zu tun - und ich werde doch nass!

Bild Geschrieben am 02.07.2017 von Christian Janßen
Team: 150 Jahre Bethel - Bodel, schwingh dich auf´s Rad!
Kommune: Bielefeld

Und auch diese Woche muss ich mit den Verallgemeinerungen aufräumen: Wie auf dem Foto zu sehen – auch ich bin einmal nass geworden – es geschah am Mittwoch am hellichten Tag. Und das war so richtig nass, weil ich zu faul war, mich richtig einzukleiden.
Die Erfahrungen in dieser letzten Stadtradel-Woche sind eine Mischung der vergangenen. Einmal von einer Autofahrerin beim Rückwärtsfahren angefahren worden – aber nicht schlimm. Beinahe vor dem Klösterchen überfahren worden, als ein Autofahrer mit größerer Geschwindigkeit bei Rot die grüne Fußgängerampel ignoriert. Da musste ich mit meinen Leidensgenossinnen vorher schon wieder unangemessen lange auf Grün warten. Fakt ist: Ich hätte in den drei Wochen nahezu jeden Tag einen Unfall gehabt, wenn ich als Radfahrer im Verkehr auf mein Recht pochen und nicht vorausschauend fahren würde. Man kommt dann nicht heile durch.
Aber: Ich bin auch sensibler geworden gegenüber dem, was ich bei Schwächeren auslöse. Ich bin relativ zügig unterwegs und habe registriert, dass ich damit manchmal Leute irritiere. Ich werde künftig defensiver fahren und nicht mehr nach dem Motto „Da kommst du noch durch.“ Ich bedanke mich auch immer häufiger. Und wenn mich ein Autofahrer anmacht, versuche ich freundlich winken.

Welche Schlussfolgerungen ziehe ich für das Radfahren in Bielefeld aus den drei Stadtradel-Wochen?
Seit Jahrzehnten haben wir in Bielefeld eine Polarisierung –Autofahrer schimpfen über Radfahrer, die sich nicht an Regeln halten. Radfahrer leiden unter der Rücksichtslosigkeit von Autofahrern und deren Aufmerksamkeitsdefiziten oder der Haltung „Freie Fahr für freie Auto-Bürger“. Und die Fußgänger als schwächste Gruppe haben unter beiden zu leiden.
Einen wichtigen Anteil hat daran die Politik: Sie kriegt es in Bielefeld einfach nicht hin, einen Konsens herzustellen. Einen politischen Konsens in der Frage, wie wir Bielefeld zu einer lebenswerten Stadt entwickeln wollen. Wir haben nun einmal den Klimawandel, der die Erde bedroht – und all diese Fragen um die Stadtbahnlinie 5, Jahnplatz oder Stapenhorststraße sind nur ein kleiner Anfang. Es muss Veränderungen geben, da geht übe kurz oder lang kein Weg vorbei – und wir sollten zwischen den politischen Lagern, den Interessenverbänden und auch den Menschen die Ideologien beiseite schieben und die inzwischen sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels nutzen für einen echten Umweltverbund. Das heißt: Bahn, Rad, Fußgänger – und dazu noch notwendige Autofahrten, die nicht umweltfreundlich zu erledigen sind. Ich erwarte im Rathaus eine klare Willenserklärung aller Beteiligten. Es fehlt eindeutig an einem Gesamtkonzept.
Es wird im Kleinen bereits hart gestritten, aber eins muss klar sein: Wir können in Bielefeld irgendwann durch „Klimagesetze“ auf den Weg gezwungen werden oder ihn vorher selber gehen – letzteres ist besser für uns und das Klima und es geht ohne Polarisierung und Populismus.

Es muss z.B. ein zusammenhängendes Radwegenetz geben, die Analysegrundlagen für Quellen und Ziele im Radverkehr sind längst überholt. Dass weniger als 20 Prozent der Wege in Bielefeld mit dem Rad bewältigt werden, das ist zu wenig. Wir müssen Fußgänger, Radfahrer sowie Bus und Bahn aufwerten – und das Auto abwerten. Parkplätze müssen teurer werden. Park-&-Ride an den Endhaltestellen der Bahnen muss hoch attraktiv sein, es muss günstige Ticketangebote geben. Maßgabe bleibt dabei, einfach und kostengünstig (auch aus dem Umland) in die Stad kommen und unsere Einkäufe bequem wieder herausschaffen zu können. Bei all dem sollte das Auto jedoch nicht verteufelt werden.

Es gab einmal den Plakatslogan des ersten Fahrradbeauftragten der Stadt „Gemeinsam geht mehr!“ In Holland aber auch in Gegenden in Deutschland, in denen viel Rad gefahren wird, ist unter den Verkehrsteilnehmern das Wort „Gemeinsam“ mit Leben gefüllt– da weiß der Autofahrer, was die Radfahrerin macht; meistens, weil er auch selbst Radfahrer ist.
„Gemeinsam geht mehr“ ist für mich auch das Motto, mit dem die Politik im Klimawandel die Weichenstellungen für ein Leben in unserer Stadt stellen muss – lebenswert für uns - und für unsere Kinder und Enkel.

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Zweite Woche: Wetter zuerst gut, zunehmend unter Tiefdruckeinfluss – Stimmung zuerst schlecht, zunehmend unter Hochdruckeinfluss

Bild Geschrieben am 25.06.2017 von Christian Janßen
Team: 150 Jahre Bethel - Bodel, schwingh dich auf´s Rad!
Kommune: Bielefeld

I don´t like monday – in dieser Woche ein passender Song: In Bethel wurde mir die Vorfahrt genommen (Fahrerin entschuldigte sich nach Ansprache), 300 m weiter nimmt ein Jeep der vor mir Fahrenden die Chance zum Reagieren, als er vom Parkstreifen über die komplette Fahrbahn hinweg wendet und – natürlich nicht auf den Radverkehr achtet. Anschließend schönes Gespräch über die Autofahrer im Allgemeinen und diesen im Besonderen. Weitere 500 m auf der Alfred-Bozi Straße (geöffneter Radweg für den Linksverkehr): Ein Handwerker wendet auf dem Rad-Fußweg und fährt anschließend beide Wege blockierend auf mich zu und stoppt erst im letzten Moment. Ich seh´ ihn lächeln, und denke, „Schön, dass ICH auch Autofahrer glücklich machen kann …“. Die hinter ihm kommenden Radfahrer schütteln mit mir den Kopf. Am Siegfriedsplatz zieht ein SUV vom Parken auf dem Gehweg direkt nach links auf den Platz. Ein Glück, dass ich sowieso in die Siegriedstraße abbiegen wollte.
So weit, so bekannt.

Aber:
Am Mittwoch lässt mir ein Autofahrer die Vorfahrt am Kreise an der Melanchthonstraße, ich revanchiere mich und warte bis ein Vater mit zwei Kindern die Straße überqueren kann. Am Donnerstag überlässt mir ein weiterer Autofahrer die Vorfahrt an der Rolandstraße. Beide im Kontakt mit mir und freundlichem Winken und Bedanken. Am Freitag weise ich einem bei Rot fahrenden Radfahrer auf den enormen Vorsprung von 300 m hin, den er vor mir auf das Grün Wartenden herausgefahren hat, bevor ich ihn eingeholt habe. Ein nachdenkliches Gesicht lasse ich zurück.

Obwohl ich auch weiter zwei gefährliche Situationen erlebe, bin ich von den guten Begegnungen dieser Woche geprägt. Dazu gehören auch Rückmeldungen aus meinem Team, meiner Geschäftsführung oder in der Kneipe. Ich werde also meine Bewertung von letzter Woche ändern: Radfahrer kann auch auf zufriedenstellenden Kontakt mit Autofahrern hoffen. Nicht DIE Männer hupen, drängeln und fahren dann mit aufheulendem Motor davon, sondern einzelne.
Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es zurück: Sind DIE freundlich, bin ich es auch – bin ich freundlich, sind DIE es auch.
Eine Binsenweisheit, aber mir fällt dazu das Motto einer Plakataktion des ersten Fahrradbeauftragten Bielefelds ein „Zusammen geht mehr“ – oder so ähnlich. Wie können wir in Bielefeld dafür sorgen, dass sich die konkurrierenden Verkehrsteilnehmenden mit weniger Aggressivität und gegenseitiger Rücksichtslosigkeit begegnen? Nicht mehr Rad gegen Fuß und Auto gegen beide?

Am Sonnabend und Sonntag dann Fahrten zwischen Schauern – Ich WERDE nicht naß! Sag´ ich ja …
Das Radfest hat gute, interessante Gespräch bei Sonne und warmen Schauern parat - und die Besichtigung der Tempo 30-Regelung auf der Stapenhorststraße. Zum zweiten Mal wird auf dieser Hauptverkehrsstraße nach einem Unfall die Geschwindigkeit reduziert. 1987 war es das erste Tempo 30 auf einer Hauptverkehrsstraße in Deutschland. Damals war die Straße eine Schlucht mit vier schmalen Spuren, hoher Geschwindigkeit und einer Höchstgefahr für Radfahrende auch wegen der Unübersichtlichkeit. Heute sind die Sicherheitsvorgaben für solche Straßen strenger, die Radfahrstreifen würden nicht mehr zugelassen. Die Gefährdung ist nicht gebannt, wie ich auch täglich erleben darf, wenn stadteinwärts vor der Kurfürstenstraße die SUV, Lieferwagen und Lkw wegen der Linksabbieger auf den Radfahrstreifen ausweichen oder wenn Pkw nicht ordnungsgemäß parken und mit öffnenden Türen meine Unversehrtheit bedrohen.

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Erste Woche - Wetter gut, Stimmung gemischt

Geschrieben am 16.06.2017 von Christian Janßen
Team: 150 Jahre Bethel - Bodel, schwingh dich auf´s Rad!
Kommune: Bielefeld

Die erste Woche ist fast rum, das Wochenende bin ich zuhause in Ostfriesland. Spannend: Das Eintragen meiner gefahrenen Kilometer fördert meine Bereitschaft, zusätzlich am Abend zu einem Termin erneut mit dem Rad statt mit der Bahn in die Stadt zu fahren. So bin ich mit dem Rad mehr unterwegs gewesen, als in einer normalen Arbeitswoche.
Das Wetter war ja auch gut in dieser Woche.

Allerdings gehen meine gemischten Gefühle mit dem „Bielefelder Autofahrer“ auch als Stadtradelstar unverändert weiter:
Am Montag auf der Stapenhorststraße – zweiter Tag. Ein Fahrer nimmt mir an der Bismarckstraße die Vorfahrt, als ich auf dem Radfahrstreifen zur Arbeit fahre und er zwar auf den Autoverkehr, aber nicht auf mich achtet. Er bleibt dann auch noch auf dem Radfahrstreifen im Stau stehen. Ich kann gerade noch ausweichen, ebenso wie einen Tag später. Auf der gleichen Straße biegt ein Pkw stadtauswärts fahrend links in die Ellersstraße. Beide Vorfälle werden dadurch ausgelöst, dass Autofahrer – wie es meine jahrelange Erfahrung ist – in Bielefeld nicht gleichzeitig Radfahrer sind. Sie achten auf die anderen Autofahrer und nicht auf die weiteren, schwächeren VerkehrsteilnehmerInnen. Diese müssen sich dann notgedrungen vorsehen und gegebenenfalls in Sicherheit bringen. Hier hatte ich am Dienstag mehr Glück als Verstand, da ich den Linksabbieger nicht sah und dieser im letzten Moment selbst abbremste.
In Emden, Ostfriesland ist es dagegen eher wie in Holland: alle Autofahrer sind gleichzeitig Radfahrende - die wissen wie man als Radfahrer denkt und sich bewegt.

Und schließlich zwei letzte Erlebnisse am Donnerstagfeiertag vom Schröttinghauser Freibad kommend. Zunächst will mich ein Mercedesfahrer von der Straße Am Hollensiek auf den Fußweg „motivieren“, in dem er mit dem Außenspiegel meinen Lenker nur um etwa 10 cm verfehlt. Auch für einen Sicherheitsabstand von 1,50 m wäre Platz gewesen, deshalb gehe ich von Absicht aus. Ich nehme solch ein Verhalten als die in Bielefeld verbreitete Überheblichkeit oder als Selbstjustiz insbesondere von AutoFAHRERN, die mir als Radfahrer deutlich machen wollen, wo mein Platz ist und wie ich mich ihrer Meinung nach zu verhalten habe.
Das gleiche etwa 1,5 km weiter stadteinwärts auf der Babenhauser Straße, als ein Pkw nach links zum Erdbeerstand abbiegen will und ich mich auf das Ende der entgegenkommenden Schlange wartend vor ihn geselle. Ich höre schon die die beifahrende Ehefrau des dann nachfolgenden Pkw schimpfen, als ich an den beiden langsam vorbeifahre. Und ihr Ehemann sieht sich bemüßigt, mir mit laut andauernden Hupen beim schneidigen Vorbeifahren noch seine Meinung mitzuteilen.

Es sind v.a. Männer, die ich solche gefährdenden Szenen provozieren sehe – aus meiner Sicht mindestens versuchte Körperverletzung. Frauen übersehen mich auch schon einmal, sind aber schnell mit mir im Gespräch, um sich zu entschuldigen. Dann fällt es mir leicht, auf die gefährliche Situation hinzuweisen – und trotzdem zu sagen „War nicht so schlimm, ich sitze ja noch auf dem Rad“. Männer sehe ich weiterfahren ohne Einsicht, ohne eine Entschuldigung, ohne Nachfrage und – ohne die Möglichkeit des Gesprächs. Das macht mich dann auch wütend. So steigt der Aggressionspegel.

So ist die erste Woche bei gutem Wetter doch mit gemischten Gefühlen abgechlossen.

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