Und täglich grüßt...

Bild Geschrieben am 16.06.2019 von Frauke Koslowski
Team: Milengo
Kommune: Berlin

Mein Weg zur Arbeit betrug nie weniger als 50 Minuten. Als Nutzerin öffentlicher Verkehrsmittel füge ich immer noch hinzu - wenn alles gut geht. Es mag die gefühlte Wahrheit sein, aber irgendwas war immer. Zugausfall, Notarzteinsatz, Polizeieinsatz. Berlin ist eine aktive Stadt, und wenn in der Rush Hour die Gefühle hochkochen, sind bestimmte U-Bahnen eben ein guter Nährboden für Streitereien… aber wie jeder, der nach einem anstrengenden Tag einfach nur ein paar Stationen mit der U8 fahren muss, sah ich mich hier stets als die Haupt-Leidtragende. Ich muss eigentlich dankbar sein, denn dem ganzen sinnlosen Warten im U-Bahnhof (in dem es auch keinen Empfang gab! Doppeltes Elend, also) verdanke ich es, dass ich in erster Linie aufs Fahrrad umgestiegen bin. Planbar, oberirdisch, mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen - das klang für mich wie das Paradies. Und so steige ich nun jeden Morgen auf mein treues Gefährt und strampele los.

Die Fahrt beginnt schon irgendwie episch, wenn ich nämlich das Tiefgaragentor per Knopfdruck öffne und ins Licht fahre. Da würde auch so eine ergreifende Filmmusik im Hintergrund gut passen (die natürlich nur in meinem Kopf existiert). Ich wohne zwar direkt an der Landsberger Allee, meide sie als Radler aber in Marzahn. Außer einem viel zu schmalen Radstreifen, der auch zeitweise komplett verschwindet, kann man da nichts erleben. Allen, die auf Nahtoderlebnisse stehen ("LKW braust mit 60, die in Wirklichkeit 80 sind, 20 cm neben mir vorbei"), würde ich die Strecke aber uneingeschränkt empfehlen.
Ich halte mich lieber an den Blumberger Damm und die Allee der Kosmonauten. Letztere hat zwar auch keinen Radfahrstreifen, aber Fahrräder sind auf dem Fußweg erlaubt und dort ist selten viel Betrieb. Ich liebe den Weg durch die Hochhäuser zwischen der Poelchaustraße und dem Helene-Weigel-Platz. Dort sieht man stets dieselben Herrchen und Frauchen mit ihren Hunden. Man kennt sich - ich bremse ab, umzirkele die kleinen flauschigen Terrier einer mittelalten Dame, sie nickt mir zu, ich grüße zurück. Das Stück der Allee der Kosmonauten über die Eisenbahntrasse beim S-Bahnhof Springpfuhl ist dann wieder weniger genießbar. Zwar gibt es zunächst noch einen Radweg, aber durch die hohe Dichte an Pendlern, die hier von M8 oder 18 auf die S-Bahn wechseln - und umgekehrt, muss man hier doppelt vorsichtig fahren und Schülern ausweichen, die mitten auf dem Radweg Insta checken, oder der älteren Generation, die besagten Schülern ausweicht und deshalb ohne vorherige Anzeichen auf den Radweg läuft. Ein Stück weiter, vor der Kreuzung mit der Rhinstraße, kommt eine weitere Brücke. Hier gab es mal zwei Autospuren. So starten die Autos auch zweispurig, müssen aber Mitte der Brücke ob eines breiteren Fußweges und des Radfahrstreifens auf eine Spur wechseln. Je nach Verkehrslage muss ich mir hier deshalb den Radfahrstreifen mit der rechten Seite eines Autos teilen, dessen Fahrer die krude Verkehrsführung nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Schön ist anders, aber es ist ja schnell vorbei. Vom höchsten Punkt hat man außerdem einen tollen Blick über die Stadt - eine zusätzliche Motivation, die Steigung schnell hinter sich zu bringen (siehe Foto). Rollen lassen bis zur Kreuzung, die Ampel ist immer Rot, wenn ich dort ankomme. Kurzes Päuschen.

Der Landschaftspark Herzberge ist mein Highlight. Ein Ausflug in die Natur, mitten in Lichtenberg. Für etwa einen Kilometer begleitet mich kein Autolärm. Anschließend fahre ich durch die Bornitzstraße. Die hat etwas, das aussieht wie ein Fahrradweg, allerdings nicht offiziell als einer ausgezeichnet ist. Hier ist etwas Geduld geboten und ich muss mein Tempo drosseln: Baumwurzeln haben den Radweg uneben werden lassen, von rechts schießen gelegentlich Taxis aus der Tiefe der Innenhöfe, von links parkt Lieferverkehr für Schulen und Büros quer über dem Fuß- und Fahrradweg. An der Kreuzung Ruschestraße gibt es einen Zebrastreifen. Ohne den wäre hier auch an manchen Tagen kaum ein Durchkommen. Pro-Tipp: Absteigen und über den Zebrastreifen schieben. Das geht schneller, als auf eine Lücke in der Autoschlange zu warten. Hier sehe ich in unregelmäßigen Abständen auch Radler, die über den Zebrastreifen fahren, ohne zu bremsen oder sich um den Verkehr zu scheren. Und Autofahrer, die deswegen mal das ABS testen müssen… Da steige ich lieber mal für fünf Meter ab. Weiter geht es über die Möllendorffstraße. Morgens kann ich mich hier ausruhen, denn hier kann man sich einfach rollen lassen. Eigentlich beginnt mit meinem Wechsel auf die Frankfurter Allee erst das richtige Großstadtgefühl - mit einem Mal bin ich nicht mehr eine von wenigen, sondern Teil einer Masse. Fast alle halten sich an die ungeschriebenen Gesetze des Pendelns und halten sich rechts, sodass links Platz zum Überholen ist. Auch hier drossele ich meist meine Geschwindigkeit und werde einfach Teil der Karawane. Mein Lieblingsschlagloch (längs mitten auf dem Weg, genügend Platz, um mit dem gesamten Reifen hineinzufahren) auf Höhe Warschauer Straße wurde vor einigen Tagen geflickt.
Westlich am Ostbahnhof vorbei führt mich mein Weg dann auf die Köpenicker Straße. Und schon bin ich angekommen. Den letzten Motivationsschub, weiterhin zu radeln, erhalte ich auf diesem letzten Stück. An manchen Tagen stauen sich die Autos vom S-Bahnhof Frankfurter Allee bis hierhin. Und ich? Ich fahre einfach an ihnen vorbei. In meinem Tempo, zu meinen Konditionen. Mehr Freiheit kann man beim Pendeln nicht erleben.

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