Reaktionen darauf, wenn ich sage, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre

Geschrieben am 08.06.2019 von Frauke Koslowski
Team: Milengo
Kommune: Berlin

Wie man zur Arbeit kommt, scheint ein beliebtes Smalltalkthema zu sein. So komme ich regelmäßig in Situationen in meinem Leben, in denen 7cz erzähle, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Was dann folgt, ist eine der folgenden Reaktionen.

Nummer Eins: "Ich fahre ja auch total gerne Fahrrad und würde es auch machen, wenn ich so nah an der Arbeit wohnen würde wie du!"
Vorab möchte ich sagen: Ich liebe das Fahrradfahren. Würde ich es nicht lieben, würde ich eventuell auch nicht 15 Kilometer bis zur Arbeit fahren. Mit "nah" hat das sogar in einer Großstadt wie Berlin nicht mehr allzu viel zu tun. Ich antworte dann meist: Man gewöhnt sich dran. Am Anfang kamen mir diese 15 Kilometer auch wahnsinnig weit vor, und 30 Kilometer am Tag waren quasi eine Fahrradtour, die man mal an einem schönen Sonntag macht. Als ich die Strecke das erste Mal gefahren bin, dachte ich mehr als einmal - wann bin ich endlich da? Wie weit ist es noch? Wenn ich sie jetzt fahre, passiere ich meine festen Wegpunkte und merke gar nicht, wie der Kilometerstand steigt. Es ist ein festes Ritual geworden, das ich richtig vermisse, wenn ich mal nicht zur Arbeit radeln kann. Was ich jedem, der gerne fährt, nur ans Herz legen kann, ist: Macht es. Kommt aus dem Würde-Hätte-Könnte ins Heute-Hier-Und-Jetzt. Jede Strecke, die ich mit dem Fahrrad zurücklege, ist gut für meinen Körper und meine Seele. Ihr könnt nur gewinnen!

Nummer Zwei: "In Berlin?! Mit dem Fahrrad? Das ist viel zu gefährlich!"
Das ist die mit Abstand häufigste Reaktion. Die Intensität dieser Reaktion geht von reiner Neugier, weshalb ich mich in diese vermeintliche Todesgefahr begebe, bis hin zu predigtähnlichen Monologen mit dem Titel "Ich bin zwar noch nie selbst in Berlin Fahrrad gefahren, aber ich weiß dass du eigentlich längst tot sein müsstest". Ja, es stimmt, Radeln in Berlin ist vermutlich gefährlicher als Radeln auf dem Berlin-Usedom-Radweg zwischen Bernau und Joachimsthal, aber wie bei eigentlich allem gibt es auch hier zwei Seiten. Ich als Radfahrer bin ebenfalls Teil des Verkehrs und sollte mich dementsprechend benehmen. In den letzten zwei Jahren, seit ich regelmäßig längere Strecken fahre, hatte ich zwei wirklich gefährliche Fast-Unfälle mit rücksichtslosen Autofahrern. In derselben Zeit hatte ich unzählige Fast-Unfälle mit anderen Radfahrern, die unbeleuchtet, in der falschen Richtung, betrunken, kiffend (nicht BEkifft, sondern den Joint hin- und herreichend), mit mehreren Personen auf einem Rad, auf ihr Handy guckend, oder einfach nur völlig unberechenbar und entgegen jeglicher Verkehrsregeln gefahren sind. Das Argument, dass mich ein anderer Radfahrer nicht umbringen würde durch sein Fehlverhalten, zieht hier nicht, denn wenn sich all die Radfahrer nur ansatzweise entsprechend der Verkehrsregeln verhalten würden, gäbe es eine große Chance, dadurch die Anzahl der Verkehrsunfälle zwischen Autos und Radfahrern reduzieren könnten. Ich habe einmal gesehen, wie ein Radfahrer auf der Kreuzung Frankfurter Allee / Warschauer Straße den Bordstein runter in die Autospur gefahren ist, ohne zu gucken, ohne Handzeichen, weil vor ihm eine langsamere Fahrerin fuhr und der Radweg nicht breit genug war, um zu überholen. Statt 20 Meter langsam zu fahren, entschied er sich für diese absolut leichtsinnig Aktion. Nur durch eine Vollbremsung konnte der Autofahrer einen Unfall verhindern. Ich würde mir wünschen, solche Manöver nie wieder sehen zu müssen. Ich halte mich als verantwortungsvoller Radler an die Verkehrsregeln, fahre nicht bei Rot, in der falschen Richtung oder ohne Licht. Solange ich von anderen Radfahrern dafür belächelt werde, ist der Ernst der Lage noch nicht klar genug. Wer auf sich selbst aufpasst und nach den Regeln spielt, kann auch in Berlin sehr gut Radeln.

Nummer Drei: "Ich will schnell zur Arbeit kommen und keine Zeit vertrödeln, deshalb fahre ich mit dem Auto."
Okay, das sagt niemand, der in Berlin wohnt. Hier wissen alle, dass es eine Quälerei ist, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Es kann trotzdem schneller sein - wenn alles gut läuft, bräuchte ich zu meiner Arbeit 35 Minuten anstelle von 50 mit dem Rad. Allerdings: Möchte ich das Risiko eingehen, dass ich zusätzlich 20 Minuten im Stau stehe? Könnte passieren, in Berlin, der Stadt der tausend Baustellen. Und da muss ich ganz klar sagen - Die Planbarkeit meines Arbeitsweges, die nur von meiner eigenen Muskelkraft abhängt, ist mir da wichtiger - und ich muss nicht gestresst und frustriert und sauer auf andere Verkehrsteilnehmer sein. Abgesehen von all den anderen positiven Effekten, die das Radeln so hat.

Eine Reaktion gibt es anschließend eigentlich immer: "Aber nur bei schönem Wetter, oder?", höre ich dann. Dazu kann ich nur sagen: Es gibt eigentlich kein schlechtes Wetter - nur falsche Kleidung.

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